REMEMBER ME - Valeska Gert auf Sylt - wie damals im Ziegenstall in Kampen die Fetzen flogen


Als der Henkell Trocken noch in Strömen floss. Was in den 50ern auf Sylt los war, davon können feierfreudige Gäste heute nur träumen.


 

„Zutritt nur für Verrückte“ – das Eingangsschild an dem kleinen Friesenhaus in Kampen brachte es auf den Punkt: Denn das, was in den 50er Jahren im Ziegenstall los war, davon können die feierfreudigen Gäste auf der Whiskymeile heute nur träumen.


Im Ziegenstall war der Name Programm.

Gäste saßen auf Heuballen, die Drinks stellte man auf kleinen Melkschemeln ab. Das Servicepersonal bestand aus Künstlern, Tänzern und angehenden Schauspielern: hier rezitierten die Kellner Gedichte, der Barmann sang und der Henkell Trocken für 54 DM die Flasche floß in Strömen. Eine wilde Mischung irgendwo zwischen Kreuzberger Kiezkneipe und Studio 54. Das Motto „Zutritt nur für Verrückte" fasst es wohl am besten zusammen. Ach ja, eine politische Message gab's natürlich auch noch: „Fuck for Peace!" 

 

Valeska Gert war Jahrhundertkünstlerin, Tänzerin, Schauspielerin und weitgereiste Gastronomin. 

Der Ziegenstall war das Werk von Valeska Gert. Jahrhundertkünstlerin, Tänzerin, Schauspielerin und weitgereiste Gastronomin. Mit ihrem unkonventionellen Aussehen und den legendären ‚Grotesktänzen‘ wurde sie im Berlin der 20er Jahre zur Berühmtheit und eroberte die Bühnen Europas. Als Jüdin in die USA emigriert, erfand sie in New York ihr Barkonzept mit der wilden Mischung aus improvisiert-bunter Atmosphäre und avantgardistischem Servicepersonal: die Beggar BarEiner ihrer damaligen Kellner: Tennessee Williams.

 


Mit freundlicher Genehmigung (c) Sylt Museum
Mit freundlicher Genehmigung (c) Sylt Museum


Wer möchte sein Bier nicht auch mal von Tennessee Williams oder Klaus Kinski serviert bekommen.

Die Beggar Bar war legendär und wurde zum Szenetreff, in dem es keine Rassentrennung gab und sich alle Gesellschaftsschichten köstlich amüsierten. Das sollte doch eigentlich in Europa auch funktionieren: nach dem Krieg eröffnete Valeska Gert in Zürich das Café Valeska und ihr Küchenpersonal, in Berlin die Hexenküche. Einer ihrer Kellner: Klaus Kinski. 

 

Eine Bar in einem primitiven Fischerdorf.

Und 1951 folgte Sylt. Valeska Gerts erster Ehemann fand in „einem kleinen primitiven Fischerdorf" (Kampen!) ein Sommerhaus für seine Frau. Um diese Zeit avancierte Kampen langsam zu einem Künstlerdorf und auch hier war der Plan ein neues „Nachtlokal" zu eröffnen: den Ziegenstall! Zu diesem Zweck neue Räumlichkeiten an das Friesenhaus zu bauen, wurde von der Gemeinde Kampen allerdings verweigert. Also wurde kurzerhand das Untergeschoss zur Bar umfunktioniert. Ohne Kühlschrank zwar, aber das auch ließ sich mit der Eislieferung aus Westerland lösen. Verschlafen sollte man diese allerdings nicht. Es kam wohl nicht nur einmal vor, dass die Wirtin die frühmorgendliche Eislieferung verschlaf und die kalten Klötze hinter dem Friesenwall vor sich hinschmolzen.

Das Friesenhaus des exisiert leider heute nicht mehr. Valeska Gert vermachte das Haus einem engen Freund, aber der verkaufte es zu einem sehr guten Preis. Den Kampen erlebte zur damaligen Zeit bereits seinen ersten Aufschwung und aus dem einst ‚verschlafenen ruhigen Friesendörfchen‘ wurde ein Hotspot der Kultur- und Kunstszene.

 


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Kommentare: 1
  • #1

    Myriam Thyes (Donnerstag, 21 April 2022 19:18)

    "Valeska Gert vermachte das Haus einem engen Freund, aber der verkaufte es zu einem sehr guten Preis": Ja, skandalöserweise war dieser "gute Freund" Werner Höfer, der bekannte Journalist und ehemals NSDAP-Mitglied!